Ich finde es immer wieder spannend, wenn Teilnehmer meiner Seminare den berühmten Satz bringen: „Bei uns gibt es keine Probleme, bei uns gibt es Herausforderungen.“

Ist das so? Oder halten wir uns da sklavisch und (firmen)politisch korrekt an die Prämisse „positiv denken, positiv formulieren“ und betreiben gleichzeitig eine substanzielle Schönfärberei?

Ganz ehrlich: Wenn die Hütte brennt, ob nun metaphorisch oder wirklich mit ordentlich hohen Flammen, wer empfindet das dann als Herausforderung und wer als ein richtig massives Problem?

Was treibt so viele Menschen dazu, das Wort „Problem“ zu vermeiden und an dessen Stelle Wörter wie „Herausforderung“, „Thema“ und „Umstand“ zu setzen? Chefs vieler Unternehmen sind hier engagierte Triebkräfte und leider sind es auch sehr viele Kolleginnen und Kollegen aus der Kommunikationstrainerzunft.

Die Gründe, die dafür sprechen sollen, dem „Problem“ auszuweichen, sind meistens diese:
- Dann sind wir scheinbar nicht Herr der Lage, haben die Sache nicht im Griff.
- Es klingt passiv, schon fast so, als wären wir gelähmt.
- Wer will schon mit Problemen konfrontiert werden? Herausforderungen sind was Positives, sie zeigen unsere Bereitschaft, aktiv zu werden, einen Impuls nach vorne!

Es beruhigt mich etwas, dass sich mittlerweile auch in Fachforen und in anderen Bereichen des Internets die Stimmen derer mehren, die dieser „Logik“ nicht so ganz folgen wollen. Wenn denn da nun ein Kunde vor uns steht oder ein Kollege (oder gar der Chef selbst) und zu uns sagt, er habe ein Problem, was tun wir denn dann? Belehren wir ihn sanft und wohlwollend, dass das gar kein Problem sei, sondern nur eine Herausforderung? Oder dass es das zumindest für uns sein? Was sagen wir diesem anderen Menschen dadurch, wie sehen wir ihn?

Hier stellt sich die Frage, als was wir diesen anderen Menschen sehen, ob er nun ein Kunde ist oder im gleichen Unternehmen arbeitet. Diese Frage stelle ich auch sehr gerne den Teilnehmern meiner Seminare. Ab und zu treten dabei recht düstere Sichtweisen zu Tage, wenn Begriffe wie „Feind“ und „Abzocker“, „Querulant“ und „Nörgler“ fallen. Unter dem Strich kommen wir aber nahezu immer zu dem Schluss, dass wir nur mit einer Sichtweise die Chance haben, ein gutes und konstruktives Verhältnis zueinander zu haben? König Kunde? Nein! Wir sind Partner, begegnen einander auf Augenhöhe mit Interesse.

Und diese Absicht sollte man dann entsprechend auch leben, damit es nicht zu einer leeren Worthülse verkommt. Die konsequente Sicht auf den anderen als Partner birgt eben auch, dass wir empathisch sind und ehrlich zueinander.

Was aber hat es mit Empathie zu tun, wenn wir die Probleme (!) des anderen nicht als solche ernst nehmen und auch so bezeichnen? Der andere wird einen verdammt guten Grund haben, uns etwas als Problem zu beschreiben und nicht als Herausforderung. Wir nehmen den anderen also ernst, wenn wir seine Probleme als solche ernst nehmen. Statt „Ach, kein Thema, da machen wir was draus“ ist hier erst einmal ein ehrlich empfundenes „oh“ angebracht.

Wenn wir etwas als Problem sehen und auch so bezeichnen, schließt das nicht aus, dass wir rasch und mit viel Energie nach einer Lösung suchen. Wir haben Methoden, Techniken und Fähigkeiten, Probleme mit und für Kunden und Mitarbeitern zu lösen. Die Lösungsorientierung sehe ich als wichtige Bedingung für eine effektive Arbeitsweise. Aber es sind eben Probleme, die wir häufig lösen, und bagatellisieren sie besser nicht als Herausforderungen.

 2012/03/08  Posted by admin general Comments Off